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Hans' Erinnerungen ...begonnen im Dezember 99 und fortgesetzt im März 2004 In diesem Sommer wurde ich 85 Jahre alt. Mein ganzes Leben verbrachte ich in W. Seit einigen Monaten lebe ich allein in unserem Haus, da ich meine Frau Hanna aus gesundheitlichen Gründen in ein Altenpflegeheim nach D. geben musste. Ich habe jetzt viel Zeit - manchmal zuviel Zeit - und hatte kürzlich die Idee, den Wunsch, Erinnerungen aus meinem Leben aufzuschreiben. Eine kleine Firma, die ich mit Hilfe meiner Kinder im Internet entdeckt habe, - greyhead.de - hat mir dabei geholfen.
Kindheit und Jugend
Am 19. Juni 1918 wurde ich, Hans S., in Vorberg, damals noch eine selbstständige Gemeinde bei W., geboren. Mein Vater kehrte erst 1919 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück, als ich schon ein Jahr alt war. Nachdem er dann ein Jahr an der Schule von V. unterrichtet hatte, wurde er nach Barg, auch bei W., an die einklassige Schule versetzt. Meine Familie zog also nach Barg in die Lehrerwohnung im Schulhaus. Die Jahre bis ich selbst dort als Sechsjähriger eingeschult wurde, waren eine glückliche Zeit. Vier Schuljahre lang ging ich dann bei meinem Vater in den Unterricht. Eine einklassige Volksschule, in der alle Jahrgänge von Klasse 1 bis 8 unterrichtet wurden, zu organisieren, war nicht leicht. Der Unterricht fand in Etappen statt. So kamen die Großen zum Beispiel schon früh um sieben und die Kleinen erst um zehn Uhr. Mein Vater war ein strenger, sehr korrekter Lehrer, der sehr auf Disziplin achtete. Schulkinder, die den Unterricht störten, wurden bestraft, und zwar Jungen mit dem Stock auf den Hosenboden und Mädchen mit dem Stock auf die Fingerspitzen. Auch ich war hin und wieder, wenn auch manchmal unschuldig, betroffen. Er wollte ein gutes Vorbild sein und seine Schrift war sauber wie gestochen.

Mein Vater war ein "Pflichtmensch" von hoher Moral, die Religion und der Glaube waren ihm wichtig. Zwischen ihm und mir als einzigem Kind entstand leider kein warmes Verhältnis. Meine Mutter hatte da viel auszugleichen, was ihr auch gelang. Ich liebte meine Mutter sehr. Sie war eine fröhliche, herzliche, aufgeschlossene Frau, der gute Geist des Schulhauses. Nebenbei gab sie sogar Handarbeitsunterricht. Mein Onkel Karl, der einzige Bruder meines Vaters, aus Rodenhausen, bei B., der uns jedes Jahr öfters besuchte, wurde für mich die wichtigste männliche Bezugsperson. Er machte viel Spaß mit mir und war immer zu Quatsch aufgelegt. Er war auch ein Lehrer, mit Englisch als Fach. Auch Französisch sprach er sehr gut. Diese Fähigkeiten imponierten mir schon als Kind. Er sagte, heiraten wolle er nicht, die Bücher seien seine Frauen. Als er später dann doch heiratete und nicht mehr so viel Zeit für mich hatte - ich war wohl etwa 11 Jahre alt - war ich ziemlich traurig. Vater und Onkel Karl verstanden sich gut, aber noch mehr freute sich meine Mutter über Karls Besuche. Am Ende meines neunten Lebensjahres, also 1927, entging ich um ein Haar einem schweren Unfall. Das war, als ich mich hinter einen der selten vorbei fahrenden Lastwagen gehängt hatte, während der Fahrt absprang und mit dem linken Knie auf das Kopfsteinpflaster knallte. Die schwere Wunde brauchte sechs Wochen, um auszuheilen. Trotzdem genoss ich diese Zeit, weil ich nicht rüber in die Schule mußte. Ich konnte stattdessen gemütlich auf dem Sofa in der Stube liegen und mich mit einem Stabilbaukasten beschäftigen. Gelesen habe ich damals leider wenig, bedauerlicherweise hat mir mein Vater keine Lektüre gegeben, die mich interessiert hätte. Schließlich war das Knie wieder voll in Ordnung ohne Folgen für später.

Nach Ostern 1928 wurde ich auf die Mittelschule in W. geschickt. Dort lernte ich auch sehr bald Franz P. kennen, der bis heute mein bester Freund geblieben ist. Die ersten zwei Jahre fuhr ich mit dem Zug vom Bahnhof Barg ab. In W. war es noch ein langer Fußweg bis zur Schule in der Nähe des Marktplatzes. Ab der Klasse 7 fuhr ich dann immer mit dem Fahrrad, bei Wind und Wetter, bis zum Abitur 1937. Natürlich hatte ich inzwischen die Schule gewechselt; ab 1932 besuchte ich die Aufbauschule, das war damals die höhere Schule. (Daraus ist später das heutige Gymnasium W. entstanden.) Diese Schule hatte nur sechs Jahrgänge in sechs Klassen. Wir waren am Anfang 14 Schüler in der Klasse, davon drei Mädchen. Am Ende blieben 9 übrig, davon ein Mädchen, die die Klügste von uns allen war und zuletzt das Abitur gar nicht machen durfte. Denn das Abitur von uns Jungs wurde in der Nazizeit um ein Jahr vorverlegt, weil man aus uns Soldaten, bzw. Offiziere machen wollte. 1933, als Vierzehnjähriger, erlebte ich die sog. Machtübernahme durch die Nazis. Wir hatten seit 1925 ein Telefunken-Radio - in der Gegend das erste!- und konnten die Vorgänge in Berlin hören. Wir Jungs waren begeistert. Mein Vater, soweit ich mich erinnere, war von dieser Entwicklung nicht so angetan. Aber bei uns zu Hause wurde nicht viel über Politik diskutiert. Die politischen Verhältnisse wirkten sich auf mich unmittelbar in der Form aus, daß auch ich im "Jungvolk" aktiv werden mußte. In dieser Abteilung der Hitlerjugend betreute ich einige Jahre lang die Pimpfe ab Alter 10.

Militärzeit und Krieg
Direkt nach Beendigung der Schulzeit wurde ich am 1. April 37 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Meine Abteilung mußte einen Sumpf in der Gegend von L. trocken legen. Dieses halbe Jahr war für mich eine Art Vorstufe zum Militärdienst, den ich zum 1. Nov. 37 bei der Fliegerersatzabteilung in Unhausen bei H. als Freiwilliger begann. Bis zum Mai 1945, also 7 ½ Jahre am Stück war ich nun Soldat. Ich habe es allerdings nur bis zum Wachtmeister gebracht. Wegen Fluguntauglichkeit wurde ich zur Flak versetzt und befand mich hauptsächlich im Heimatkriegsgebiet im norddeutschen Raum.

Nach einer Lehrtätigkeit an der Flakschule in M. wurde ich mit einem Kommando nach Finnland geschickt, um dort finnische Soldaten an deutschen Flakscheinwerfern auszubilden. Dieses halbe Jahr in der Nähe von Helsinki war die schönste Zeit meines ganzen Lebens. Der Grund hierfür war ein Mädel von 18 Jahren - Ruta P.- . Diese Freundin war eine sehr Kluge, Gebildete einfacher Herkunft, leider nur beschäftigt als Laborantin in einer Bierbrauerei. Wir haben uns in meiner Sprache perfekt unterhalten. Für mich war es besonders schön, daß ich von Ruta Schwedisch lernte. Unsere Beziehung war geistiger Natur, begleitet von tiefer Sympathie, leider konnten wir aufgrund unserer eigenen Moralvorstellungen nicht wirklich zueinander kommen. Ein andere Finnin in Helsinki war nicht so zimperlich ...

Dieser Sommer in Finnland, bei meist herrlichem Wetter, ließ mich den Krieg fast ganz vergessen! Wir gingen viel in der Ostsee baden und hatten wunderbare laue Nächte in finnischer Landschaft. Ruta schrieb mir und reiste mir sogar nach Deutschland nach, aber wir haben uns nie wieder gesehen, weil ich nicht auf sie reagierte. Ich wusste damals noch nicht, was ich wollte, bzw. ob ich mich überhaupt schon binden konnte. Ein Kind von Traurigkeit war ich nicht ... In der ganzen Kriegszeit, die ja nun fast zuende ging, war ich nie ernsthaft gefährdet. Obwohl ich das Eiserne Kreuz (2. Klasse) bekommen habe, für einen Flugzeugabschuss, mit dem ich vielleicht gar nichts zu tun hatte. Das 3. Reich und den Krieg habe ich also auf eher untypische Weise überstanden, wenn man mal an die vielen Kameraden denkt, die wirklich in der Scheiße steckten oder gefallen sind.

Die Nachkriegszeit
Am 8. Mai 1945 befand ich mich in H. und habe mich von dort nach Hause abgesetzt. Ein paar Jahre hatte ich meine Eltern nicht gesehen und war nun gespannt. Wie würde es ihnen gehen? Wie sah es inzwischen dort aus? Zu Hause war soweit alles in Ordnung. Die wirtschaftlichen Engpässe schlugen sich insofern nieder, als weiterhin jedermann Lebensmittelkarten benötigte, die man aber nur erhielt, wenn man Arbeit nachweisen konnte. Ich fand diese Arbeit in der Landwirtschaft im Dorf. So half ich zum Beispiel bei der Heu- und Getreideernte und später auch beim Kartoffelhacken und -ernten. In dieser Zeit gab es viele Plünderungen auf Bauernhöfen, meistens waren es Polen, und während eines solchen Zwischenfalls wurde ich durch einen Schuss durch den linken Oberschenkel schwer verletzt. Meine Karriere in der Landwirtschaft war somit beendet. Eine andere Episode aus diesem Sommer finde ich auch noch bemerkenswert: Zwei Offiziere des Britischen Geheimdienstes erschienen bei uns im Haus, um meinen Vater zu interviewen. Sie wüssten, dass er nicht in der NSDAP gewesen war und sie könnten ihm eine Rektorstelle an einer Schule vermitteln. Mein Vater lehnte das aber ab, er wollte lieber an der kleinen Schule sein eigener Herr bleiben. Ich erinnere mich an ein Gefühl von Genugtuung. Meine eigene innere Distanz, die ich in den letzten Kriegsjahren als junger Mensch empfand, wurde hier bestätigt. Ich war froh, dass mein Vater keinen Dreck am Stecken hatte! Später habe ich erfahren, dass es im ganzen Landkreis F. nur zwei (!) Lehrer gab, die nicht der Nazipartei angehört hatten. Einer davon war mein Vater. So langsam musste ich mir Gedanken um meine eigene Zukunft machen. Ich hatte von einer Dolmetscherschule in H. gehört. Mein Interesse für Sprachen brach hier wieder durch. Ich meldete mich für eine Aufnahmeprüfung in Englisch an. Es gab sehr viele Bewerber und nur wenige wurden angenommen. Meine Freude war riesig. Gegen Ende des Kurses erhielt ich von der Schulbank weg einen Job bei einer engl. Dienststelle für Arbeitsvermittlung an Deutsche. Dort verdiente ich mein erstes richtiges Gehalt, ca. 320.- Reichsmark. Das war damals nicht schlecht. Auf Dauer bei der Besatzungsmacht beschäftigt zu sein, erschien mir aber als keine Lösung. Ich hörte von einem Schnellkursus zum Lehrer an der Päd. Hochschule H. . Wieder war mir das Glück hold. Warum auch nicht, nun würde hier einer in 3. Generation Lehrer sein.

Lehrerberuf und Familie
Die Ausbildung dauerte nur zwei Semester und ich bekam sofort - im Januar 48 nach der ersten Lehrerprüfung- eine Stelle als zweiter Lehrer an der Schule meines Vaters in Barg. (Im Herbst 1950 wurde Lehrer Schmidt, sen. aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt. Ein anderer erfahrener Kollege kam kurz darauf an dessen Stelle.) Noch vor meiner zweiten Lehrerprüfung habe ich die kleine Barger Volksschule mit 87 Schulkindern ganz allein "gemacht". Das war der wirkliche Anfang meines Berufslebens. Ich war voll ausgelastet bei 167.- DM Monatsgehalt, denn inzwischen war die Währungsreform gewesen.

Die Wochenenden während der Ausbildungszeit in H. fuhr ich regelmäßig mit dem Zug nach Hause. Auf einem Rot-Kreuz-Fest in C. lernte ich Hanna T. kennen. Sie gefiel mir sofort. Sie hatte ein freies, selbstbewusstes, ausgeglichenes Auftreten, als hätte sie keinerlei Hemmungen. Sie ruhte in sich! Das wirkte auf mich wie ein Kontrastprogramm zu mir, denn ich selbst war eher gehemmt und schüchtern in dieser Zeit. Aber Hanna, die ein Jahr jünger war als ich, schien auch Gefallen an mir zu finden. Liebe auf den ersten Blick war es nicht, aber wir kamen uns in der Folgezeit langsam immer näher. Schließlich verlobten wir uns im Januar 48. Sie wohnte bei ihren Eltern im Ort K.. Wir sahen uns sehr oft. Meiner Mutter gefiel Hanna auch sehr gut! Sogar mein Vater konnte gegenüber Hanna Gefühle zeigen. Hannas Eltern waren mit mir auch einverstanden. Richard T. war als junger Kaufmann nach Pommernland umgesiedelt und hatte dort mit viel geschäftlichem Glück einen Kohlenhandel und eine Brauereiniederlassung betrieben. Er fand in der Gegend um H. die aus einem Bauernhaus stammende Emma J. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor. Hans T., der heute in C. lebt und Hanna. Diese ganze Familie wurde als Folge der Kriegsereignisse 1944 aus Pommernland vertrieben. Auf beschwerlichem Wege verschlug es sie nach K. und später nach B. .

Hanna blieb schließlich bei mir und nach genau einem Jahr schöner Verlobungszeit heirateten wir am 6. Januar 1949. Das Hochzeitsfest fand im Schulhaus Barg im Klassenraum statt. Unsere kleine Hochzeitsreise verschoben wir auf den Sommer. Mit Fahrrädern fuhren wir das Wesertal aufwärts über G., Hann.-Münden, im Fuldatal bis nach hinter Kassel. Unser Ziel war ein Ort, wo Hanna eine Freundin hatte. Meine Frau war inzwischen auch schwanger geworden und am 26. März 1950 wurde unsere Tochter Monika geboren. Die Wohnsituation im Schulhaus wurde immer enger, denn meine Eltern wohnten ja auch noch mit dabei. Im März 51 war für mich die zweite Lehrerprüfung. Meine Prüfungsarbeit schrieb ich über ein fachdidaktisches Problem der englischen Sprache. Mein mir weiterhin sehr wichtiger Onkel Karl hat mich dabei unterstützt. Unmittelbar danach wurde ich Beamter auf Lebenszeit. Das war - besonders damals - ein wichtiger beruflicher Status, er bedeutete existenzielle Sicherheit. Das Gehalt selbst war eher gering, 206.- DM am Anfang. Die Ferien verbrachten wir überwiegend zu Hause, denn von viel reisen sprach man in jener Zeit noch nicht. Meine Eltern hatten sich in W. ein kleines Haus gebaut und zogen im Sommer 51 dahin um. Mehr Platz zum Wohnen erhielten wir dadurch leider nicht. Sofort zog der erste Lehrer - G. - mit Frau und Kind ins Schulhaus dazu. Uns blieben 2 Zimmer auf der Nordseite: Wohnen, Kochen, Arbeiten für Schule und Kinderspielecke in einem, Schlafen für alle im anderen Zimmer. Am 24. Juni 1952 wurde unsere zweite Tochter Lore - ebenfalls in diesem Haus - geboren.

Frühe Reisen
In den Sommerferien dieses Jahres 52 bin ich allein nach England gereist. Ich wollte meine Sprachkenntnisse vor Ort vertiefen. Die Fahrt -auf eigene Faust- mit der Bahn ging über Holland nach Harwich und gleich weiter nach London. In einer Unterkunft des YMCA konnte man leicht nette Gleichgesinnte treffen, mit denen diese große Stadt erkundet werden konnte. Per Anhalter fuhr ich auch an die Südküste, einschließlich der Insel Wight.

In den drei Wochen kam ich mit dem Überland-Bus sogar noch bis nach Schottland, Edinburg. Diese Reise, drei Wochen allein unterwegs, hat mein Selbstbewusstsein sehr gestärkt. Ich habe mich richtig wohl gefühlt, dass ich das geschafft hatte. Für den darauffolgenden Sommer plante ich schon den nächsten Trip. Diesmal ging's mit dem Fahrrad nach Frankreich. Bis Mannheim per Bahn, ab da mit den Pedalen. Wieder brauchte ich für den Grenzübertritt ein Visum. Das Radeln selbst hat bis kurz vor Paris drei Tage gedauert mit Übernachtungen in Jugendherbergen. Den Nationalfeiertag des 14. Juli in Paris zu erleben, war besonders eindrucksvoll. Das deutsch-französische Verhältnis war ja eher kompliziert, aber ich habe bei den jungen Menschen, mit denen ich zusammen kam, keine Ressentiments gespürt. Meine recht guten französ. Sprachkenntnisse besserte ich dort ca. zwei Wochen lang in einer Sprachschule auf. Die Wiedersehensfreude zu Hause in Barg war sehr groß.

Auch diese Fahrt, allein mit mir, war wieder eine Herausforderung auf der Suche nach meiner Selbstständigkeit. Auch Frau und Töchter zu Hause zurückzulassen, fiel mir nicht leicht. Ich musste das aber so tun. Und Hanna hat mir die Freiheit gelassen. Sie spürte wohl, wie wichtig diese Erfahrungen für mich sein würden. Mein Leben lang, bis heute hatte und habe ich das Gefühl unfertig zu sein und mich in einem Prozess zu befinden.

Teilweise hat mich diese innere Unruhe jung gehalten, andererseits auch beunruhigt und manchmal sogar leicht aus der Bahn geworfen. Das Leben und der Alltag entwickelte sich in diesen 50-er Jahren recht normal. Unsere Töchter waren gesund und machten uns Freude. Ich habe sie oft und gerne fotografiert, ein paar mal wurden meine Aufnahmen sogar preisgekrönt. Bis Ende 1955 wurde in C., ca. 1 km weg von Barg ein neues Schulhaus gebaut.
Dazu ein Doppelhaus mit zwei Lehrerwohnungen. Im Dez. 1955 zogen wir dort ein. Endlich hatten wir mehr Platz und mehr Wohnkomfort. Ostern 56 wurde Monika hier eingeschult beim eigenen Papi als Lehrer. Als Monika 9 Jahre alt war und Lore 7, konnten Hanna und ich zum ersten Mal gemeinsam verreisen. Meine Schwiegereltern, die inzwischen in B. wohnten, waren angereist, um die Kinder zu betreuen. Unser Reiseziel war die Halbinsel Orebic in der Nähe von K. in Jugoslawien. Die Bahn brachte uns nach Rijeka und von dort ging es mit dem Schiff durch die Adria zum Ziel. In diesen Jahren nahm der Tourismus seinen Anfang. Ich erinnere mich besonders an den herrlichen Rosmarinduft, der dort in der Luft hing.
Wir badeten in kristallklarem Wasser und eine so intensive Sonne hatten wir noch nie erlebt. Ich hatte natürlich einen starken Sonnenbrand ! Dubrovnik und Cevapcici - wir nahmen alles mit und genossen unsere Zweisamkeit. Die beiden nächsten Sommerferien verbrachten wir mit den Mädchen auf der Insel Langeoog, wo sie wunderbar im Sand spielen und Burgen bauen konnten.

An ein eigenes Auto war bis jetzt nicht zu denken. Ende 61 machte ich meinen Führerschein und 1962 erhielt ich von meinem Schwiegervater einen neuen Ford 12 M geschenkt. So ein Auto, allerdings als Auslaufmodell, kostete damals 5600.- DM. Das war nun unser ganzer Stolz und wir alle unternahmen viele Touren in die weitere Umgebung, z.B. Weserbergland oder Teutoburger Wald. Auch zusammen mit den Schwiegereltern, die sollten auch etwas davon haben. Die erste größere Sommerreise mit dem Auto ging nach Dänemark auf einen Campingplatz an der Ostsee bei Sonderborg. Leider war unser erstes Campingerlebnis ziemlich verregnet .... Viel Glück gehabt ...

Privat und beruflich habe ich immer viel Glück gehabt. So bin ich 1962 ohne viel Aufwand Konrektor an der Mittelpunktschule S. geworden. Zum ersten Mal war mein Arbeitsplatz jetzt nicht mehr bei der Wohnung. Im dortigen Kollegium war ich einer der Jüngeren und ich musste mich jetzt mit ganz verschiedenen Charakteren, teilweise sehr autoritären Lehrerkollegen auseinandersetzen. Zum Beispiel schlug einer Mädchen ins Gesicht und als Folge davon entstand eine ganz schwierige 7. Klasse. Ich mit meinem freundlichen Auftreten konnte mich kaum noch durchsetzen. Mit dem Schulleiter P. entstand leider kein gedeihliches Verhältnis. Er konnte sich mit meiner Lockerheit nicht anfreunden, die aber bei der Mehrheit der Kollegen gut ankam. Hanna hatte inzwischen auch eine Ausbildung als Lehrerin gemacht und wurde nach einer Zeit in C. später an derselben Schule wie ich eingesetzt. Unsere familiäre Situation ließ das jetzt zu, d.h. Monika und Lore besuchten beide das Gymnasium in W. und waren recht selbstständige Töchter. Eine andere Situation in meinem Leben, wo ich glücklich davon kam, war gesundheitlicher Art. Starke Bauchschmerzen entpuppten sich als Blinddarmreizung. Mit dem Notarztwagen wurde ich um 19 Uhr ins Krankenhaus W. gebracht und eine Viertelstunde später lag ich schon unterm Messer. Die Geschichte wäre kaum erwähnenswert, wenn die Ärzte nicht berichtet hätten, dass es allerhöchste Zeit gewesen sei.

Geistige Suche
Trotz eines sicheren beruflichen Status und stabiler familiärer Harmonie wurde ich weiterhin von innerer Unruhe, Ängsten und Gehemmtheit geplagt. Viel Kraft investierte ich in die Suche nach geistigem Halt. Der christliche Glaube und also auch die Kirche überzeugten und befriedigten mich überhaupt nicht. Viel später dann trat ich sogar aus der ev. Kirche aus. Zunächst besuchte ich Selbstentfaltungskurse, von denen ich gehört hatte. Der Weg nach D. war mir dafür nicht zu weit. Der unmittelbare Erfolg dieser beiden mehrtägigen Kurse war ein gestärktes Selbstbewusstsein. Ich konnte mit Ängsten, die mich im Alltag gefangen nahmen, nun besser umgehen. Eine weitere Station war für mich die Beschäftigung mit alternativen, auch östlichen Religionen. Der Zen-Buddhismus faszinierte mich eine zeitlang. Der totale Realismus, der den Kern dieser geistigen Richtung bildet, gab mir eine Orientierung. Als Entspannungsübung praktizierte ich die Transzendentale Meditation. Durch ein Buch war ich darauf gestoßen und in Bremen gab es ein TM-Zentrum, das wir besuchten. Früh 20 Minuten und am Abend 20 Minuten mit Hilfe eines Mantra in eine tiefe Versenkung gleiten. Das funktionierte bei mir gut. Vom ideologischen Drumherum (... Zeitalter der Erleuchtung, usw.) war ich eher nicht angetan. Heute habe ich von dieser Art Meditation Abstand genommen. Die 70-er Jahre waren eine Phase spirituellen Aufbruchs. Auch aus den Medien erfuhr man ständig Neues. Baghwan aus Indien war auch so ein Guru. Ich nahm ganz viel in mich auf. Manches von ihm imponierte mir. Über ein anderes Buch "Vom Werden zum Sein" bin ich auf Krishnamurti gestoßen. Er hat in Ablehnung aller Religionen und Weltanschauungen eine Philosophie der Realität entwickelt, die für mich bis heute einen gewissen Endpunkt bildet, mit dem ich mich am meisten identifizieren kann. Er hat mir vermittelt, dass nur die subjektive, vollendete geistige Autonomie zu erstreben sei. Allzu leicht lebt man aus zweiter Hand und zu wenig aus sich selbst heraus. Konsequenterweise lehnt Krishnamurti selbst es auch ab, Vorbild zu sein oder dass irgend jemand sich als sein "Jünger" bezeichnet. Dieser Ansatz überzeugt mich bis heute am allermeisten, obwohl es mir oft nicht leicht fällt, mich daran zu halten. Leben in der Gegenwart und nicht immer an olle Kamellen zu denken, besonders an solche, die mich belasten, ist für mich gar nicht so einfach.

Inzwischen waren meine Töchter erwachsen geworden. Monika ging nach ihrem Abitur 1969 zum Studium nach H., später nach M., wo sie bis heute lebt. Ein wichtiger Einschnitt, wenn die eigenen Kinder flügge werden. Lore folgte ihrer Schwester 1970 nach H. . Sie wechselte später nach Berlin.

Hanna und ich lebten nun in C. zu zweit. Wir waren weiterhin als Lehrer tätig und hatten recht viel Zeit, die wir sehr gerne bei der Gartenarbeit investierten. Das Umwelt- und Gesundheitsbewusstsein stand in diesen Jahren stark im Zentrum des Interesses, sodass wir uns Schritt für Schritt dahin entwickelten, durch unseren kontrolliert-biologischen Gemüseanbau uns gesund zu ernähren und auch weitgehend vegetarisch lebten. Zu unserer besten Zeit hatten wir in unserem Garten 6 intakte Hügelbeete! Von April bis in den späten Oktober gab's immer Frisches. Mir ging diese Gartenarbeit manchmal doch zu weit

Lebendiger Ruhestand
Im Jahr 1980 gingen wir beide in den Ruhestand, Hanna mit 60 Jahren im Februar und ich mit 62 Jahren im Juli. Das Lehrerwohnhaus, in dem wir ja nun schon 24 Jahre als Mieter gewohnt hatten, bot uns die Gemeinde jetzt zum Kauf an. Wir erwarben die Doppelhaushälfte mit dem schönen Grundstück.. Gleich im Herbst bis in den nächsten Sommer hinein erfüllten wir einen großen Wunsch von Hanna. Nach ihren eigenen Plänen setzten wir mit Hilfe einer Baufirma einen Anbau an die Giebelseite des Hauses. Im Frühsommer 81 war die Baustelle beendet. Der gemeinsame Ruhestand war keine langweilige Zeit.

Gleich im Sommer 81 traten wir eine große Reise zu meinen nächsten Verwandten in die USA an. 7 Wochen lang erkundeten wir Amerika. Am längsten hielten wir uns bei meinem Vetter Richard H. in D. bei San Diego / California auf. Die andere wichtige Etappe war mein Vetter Howard M.., der Rancher ist in Gregory / South Dakota. Diese Reise war ein großartiges Erlebnis für mich und für uns. Howard flog übrigens zusammen mit uns nach Deutschland und verbrachte ein paar Wochen mit uns, teilweise zu Hause in C. und einige Zeit reisten wir zusammen mit dem Auto zum Beispiel nach Fulda, Rothenburg ob der Tauber, Heidelberg und Garmisch. Von Frankfurt aus flog er dann wieder zurück in die USA. Auf Hanna und mich wartete jetzt wieder unser Garten.

.... inzwischen ist es Sommer 2ooo, nach einem Besuch in M. habe ich wieder Kraft und werde mit Hilfe meines Gesprächspartners von greyhead.de meine Erinnerungen fortsetzen.

In den 80 - er Jahren freuten wir uns immer wieder auf weitere Reisen. So hatten wir uns das gewünscht. Als Ziele hatten wir Spanien - mit dem Bus quer durch - Teneriffa, zweimal Mallorca, Lanzarote gemeinsam mit Franz P., Fuerteventura, Marokko auch zwei mal, Tunesien, ebenfalls mit Land und Leuten, zweimal Portugal, Skandinavien bis zum Nordkap und Südnorwegen später nochmal (93). Eine Reise nach Zypern führte uns auch nach Israel. Schon vorher waren wir einmal auf Malta. Ich kann gar nicht alle Reisen nennen, die uns noch einige Male nach Jugoslawien und Italien lenkten. Auch die hier genannte Reihenfolge stimmt so sicher nicht. Meine längste Autofahrt - mit dem Golf Diesel - ging Mitte der 80-er Jahre nach Italien, südlich von Rom. Dort besuchten Hanna und ich eine ehemalige Schülerin, die mit einem Italiener verheiratet war. Eine andere originelle Art zu reisen war der Rotel-Bus, der uns nach Rom und Assisi brachte, inclusive Papstaudienz auf dem Petersplatz.

Wir wurden Großeltern !
Monika lebte inzwischen in M. und war dort Lehrerin. Mit ihrem Partner Peter N. zusammen, der auch Lehrer war und ist, bekamen sie im Sommer 1984 ihren Sohn Martin. Auch wir hatten viel Freude an dem kleinen Kerl. Die Kleinfamilie aus M. besuchte uns einige Male in den ersten Jahren. So manche Unternehmung bleibt mir über Fotos im Gedächtnis, zum Beispiel der Ausflug zum großen Berg im Harz, wo wir eine Kutschfahrt machten. Im Sommer 1986 heirateten Monika und Peter . Karla kam dann im Juni 87 zur Welt. Inzwischen wohnte die Familie der Kinder in der Uferstraße, sehr zentral mit dem Kaufhaus T. direkt dabei. Das war für mich sehr angenehm, denn ich bin öfter dort in die Bücherabteilung gegangen, um zu schmökern. Gern denke ich auch an zwei gemeinsame Reisen zurück, die erste an den Bodensee, wo wir in Wasserburg zwei Ferienwohnungen gemietet hatten. Im Sommer 1992 hatten wir zu sechst ein schönes Ferienhaus in Dänemark gemietet. Nicht weit ab von der Nordsee, eine unbeschwerte Zeit. Der siebenjährige Martin lernte dort von mir das Schachspiel. Federball und Fahrradfahren und im Meer schwimmen und am Strand laufen! Lore, die zu dieser Zeit in K. lebte, kam sogar auch für ein paar Tage nach Blavand. Noch häufig danach hatten Hanna und ich schöne Tage mit Kindern und Enkelkindern, sowohl in M., als auch in C. . Den großen Tierpark, gleich bei uns um die Ecke, haben wir einige Male besucht.

Letzte Reise und Beginn einer schweren Zeit
Im Herbst 1994 buchten wir die griech. Insel Samos. Am zweiten Tag dort hatte ich einen Unfall, ich bin dummerweise über eine Treppenstufe gestürzt, wobei ich mir eine tiefe Wunde am Schienbein zuzog. Wir mussten verfrüht abreisen und die Heilung dieser Verletzung dauerte noch lange. Als Folge dieses Sturzes bekam ich schließlich orthopäd. Schuhe. Meine Gesundheit, die mich bisher im Leben recht zuverlässig begleitet hatte, begann mir in dieser Zeit - auch wegen manch falscher Entscheidung meinerseits - Sorgen und Ärger zu bereiten. So hatte ich schon '93 Probleme mit meiner Nase (Atmung), später entschloss ich mich unnötigerweise zu einer Operation (94) , die später noch einmal unangenehme Folgen mit sich brachte. So richtig schlimm wurden für mich allerdings erst die großen Knieprobleme! Auch diese sind aufgrund falscher, spontaner Entscheidungen entstanden. Obwohl ich mit meinem Spezialschuhen recht gut und schmerzfrei gehen konnte, wollte ich durch Krankengymnastik noch eine Verbesserung herbeiführen. Das war der größte Fehler, denn diese "Therapie" bewirkte im Verlauf noch anderer Komplikationen, dass es für mich immer schwerer wurde, normal und schmerzfrei zu gehen.

Hannas letzte Jahre
Schon Jahrzehntelang sprach meine Frau von Empfindungen, die sie auf Durchblutungsstörungen zurückführte. Seit etwa 1995 waren bei ihr Gedächtnisstörungen zu beobachten, die langsam immer weiter fortschritten. Sie merkte das alles noch und litt selber darunter. Ihr Zustand verschlimmerte sich seit 1996 signifikant. Viele einfache Dinge im Alltag bekam sie einfach nicht mehr hin. Es gelang mir aber immer noch, sie zu Hause zu betreuen. Mittlerweile verschwand auch ihre Fähigkeit, sich verbal auszudrücken bis zu dem Zustand, dass sie gar nichts mehr sagte und auch nichts mehr verstand. Meine beiden Töchter halfen mir, eine Lösung für diese schwere Lage zu finden. Eine Zeit lang nahm ich den ambulanten Pflegedienst in Anspruch. Im April 1998 war der Moment gekommen, wo ich Hanna leider in ein Pflegeheim bringen musste. In D. wurde sie ungefähr ein und ein halbes Jahr gut betreut. Am 5. Okt. 1998 starb sie dort an den Folgen einer Lungenentzündung. Ich und unsere beiden Töchter waren am Ende bei ihr. Wir haben ihre Urne auf dem Friedhof von C. beigesetzt.

Allein zurechtkommen ...
Kurz nach Hannas Tod musste ich mich einer schon geplanten Sprunggelenkoperation unterziehen. Insgesamt 12 Wochen war ich auswärts in den Kliniken. Die Operation ist zwar gelungen, aber wieder einmal hat mir eine nicht nötige Nachbehandlung den Erfolg der Operation stark beeinträchtigt. Daran habe ich sehr, jeden Tag, zu knabbern. Allerdings fahre ich täglich mit dem Fahrrad, um genügend Bewegung zu haben. Ich muss ja mal aus dem Haus raus und es macht mir außerdem Freude. Kürzlich habe ich mir auch einen neuen Kleinwagen mit Automatic-Getriebe gekauft. Den alten Nissan-Diesel habe ich meinem Schwiegersohn Hans P. geschenkt. Ich schlage mich so durch in meinem Haus in C.

Nachbarinnen sind sehr nett und hilfsbereit zu mir, zum Beispiel Frau J., die mit ihren 4 Kindern eigentlich schon genug am Hals hat. Auch Frau D. von gegenüber ist für mich immer ansprechbar. Ein freundschaftliches Verhältnis pflege ich zu Günther D., der mit seiner Familie im W. lebt. Er unterstützt mich in vielen wichtigen Fragen. Wöchentlich einmal radle ich dort vorbei. Sonntags um halb zwölf telefoniere ich mit Monika in M., das ist auch ein fester Termin im Ablauf meiner Woche. Lore bevorzugt es, von sich aus unter der Woche bei mir anzurufen. Oft genug zwischendurch bin ich allein zu Hause und manchmal, manchmal auch öfter, fällt mir sozusagen die Decke auf den Kopf. Dann geht es mir schlecht. Es kostet mich Kraft und ein paar Kilometer Radfahren bis es mir wieder etwas besser geht ... Das Lesen, so wie früher, sowohl Bücher als auch den Spiegel, schaffe ich nicht mehr so leicht. Einerseits ermüde ich schneller und andererseits bin ich dauernd mit Gedanken bei meinem kaputten Fuß und habe dadurch schlechte Stimmungen. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass es noch einmal schönere Zeiten für mich geben wird.

Hiermit beende ich meinen Lebensbericht und danke dem Service greyhead.de für die Unterstützung beim Zusammenstellen des Textes und beim Formulieren.
Die Fotos / Abbildungen, die zu diesem Text gehören, sind in diesem anonymisierten Muster nicht enthalten.